Höhenzugangstechnik - Kletterei

Sicheres Arbeiten in der Höhe oder in der Tiefe

Instandhaltungsaufgaben wie Reinigungstätigkeiten oberhalb von sieben Metern im Bereich Fassaden, Atrien im Gebäudeinneren, aber auch Baumschnitt sowie Wartungsaufgaben unterhalb von Brücken, Schächten oder Brunnen gehören mittlerweile zum täglichen Leistungsportfolio der Gebäudedienstleister. Bis sieben Meter mit Leitern laut Berufsgenossenschaft, bis 20 Meter mit Teleskopstangen, bis 50 Meter in Innenbereichen mit Arbeitsbühnen,

Gerüstbau oder mit Industriekletterern stehen dem Gebäudedienstleister als Alternativen zur Verfügung, um wirtschaftlich und vor allem sicher in der Höhe oder Tiefe arbeiten zu können. Die Kletterei gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung.

 

Mit einer Gebäudedienstleistung fing alles an...

Als 1995 der Berliner Reichstag als Kunstprojekt des Künstlerpaares Christo und Jeanne-Claude verhüllt wurde, war das Arbeiten am Seil in Deutschland

eigentlich noch verboten. Nur durch eine Sondergenehmigung der Berufsgenossenschaft konnte die Verhüllung von Industriekletterern – wie man sie heute umgangssprachlich nennt – durchgeführt werden. Ein denkwürdiges und gleichzeitig historisches Projekt, denn die damals beteiligten Höhenarbeiter entschlossen sich, Sicherheits- und Arbeitsstandards für die Seilzugangstechnik zu definieren.

So wurde im selben Jahr der Fach- und Interessenverband für seilunterstützte Arbeitstechniken e.V. (FISAT) gegründet.

Seit fast 25 Jahren werden nunmehr die verschiedensten Arbeiten mit Hilfe der

Seilzugangs- und Positionierungstechnik (kurz „SZP“) an hochgelegenen und schwer zugänglichen Arbeitsplätzen durchgeführt: Montage- und Reinigungsarbeiten, Inspektionen, Reparaturen, Wartungen und

Dokumentationen an Hochhäusern, Kirchtürmen, Windenergieanlagen, Industriegebäuden, Silos und Funkmasten – um nur einige Beispiele zu nennen. Doch nicht nur Arbeiten in der Höhe werden mittels SZP schnell und flexibel erledigt - auch Arbeiten in der Tiefe, wie zum Beispiel in Brunnen oder Revisionsschächten werden unter höchsten Sicherheitsstandards durchgeführt. Es ist eine erstaunliche Entwicklung, die die SZP in den vergangenen Jahren durchlaufen hat. Bildlich gesehen könnte man mit Recht behaupten, dass die Berufsgenossenschaften früher die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, als es um die Anwendung von Seilen zum Erreichen von Arbeitsplätzen ging.

 

Und heute?

Heute sprechen wir von einem anerkannten Arbeitsverfahren. Doch wie kam es dazu? Wie funktioniert SZP und was sind die gesetzlichen Grundlagen dafür? Seit 1995 gestaltet der FISAT als Interessenverband der Branche in entscheidenden Gremien maßgeblich die Entwicklung der SZP mit. Er erarbeitet einheitliche Sicherheits und Arbeitsrichtlinien, formuliert Standards, Ausbildungs- und Prüfungsordnungen, entwickelt diese ständig weiter und gewährleistet die Umsetzung durch ein unabhängiges Zertifizierungssystem.

Mit dem European Committee for Rope Access (ECRA) existiert auf Verbandsebene eine Zusammenarbeit über die Landesgrenzen hinaus. Die Arbeitsgruppe besteht aus den Verbänden DPMC (Frankreich), ANETVA (Spanien), SOFT (Norwegen) und dem FISAT.

Der Einsatz von Höhenarbeitern ist mit der Richtlinie 2009/104/EG des europäischen Parlaments und Rates legitimiert. Die Richtlinie wird durch die Betriebssicherheitsverordnung in deutsches Recht umgesetzt und durch die Technische Regel für Betriebssicherheit (TRBS) 2121 Teil 3 konkretisiert. Das System des

FISAT geht nicht nur mit geltendem deutschen und europäischen Recht konform, sondern erfüllt auch die Anforderungen der ISO Standards 22846-1 und 22846-2 (Rope Access Systems).

Letztendlich heben die Verwendung ausschließlich geprüfter und zugelassener Ausrüstung, das dreistufige Zertifizierungssystem des FISAT (Höhenarbeiter der Qualifikationen Level 1 bis 3), die auf ein Jahr beschränkte Gültigkeit der Ausweise und die damit verbundene jährliche Unterweisungspflicht (§12 ArbSchG und §4 DGUV Vorschrift 1) FISAT Höhenarbeiter auf internationales Niveau – somit können sie weltweit eingesetzt werden.

 

Die Realität

„Trocken wie Zunder“ wird der aufmerksame Leser die letzten Zeilen erlebt haben. Aus diesem Grund wechseln wir jetzt von Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien in die Realität der Baustelle.

Was erwartet mich als Auftraggeber, wenn ich mir Höhenarbeiter auf die Baustelle hole?

Zuerst wird auffallen: Sie kommen nie alleine. Alleinarbeit ist grundsätzlich verboten. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass Höhenarbeiter im Falle eines Falles für Rettungskräfte nicht oder nur schwer erreichbar sind. Aus diesem Grund ist die Kameradenrettung ein wesentlicher Bestandteil der Ausbildung und Prüfung. So ist jeder Höhenarbeiter in der Lage, seinen Kollegen innerhalb kurzer Zeit an einen für die

Rettungskräfte gut erreichbaren Ort zu verbringen.

Des Weiteren muss mindestens einer der Höhenarbeiter über die Qualifikation Level 3 (Aufsichtführender Höhenarbeiter) verfügen. Dieser ist zusammen mit dem Auftraggeber für die Erstellung einer objektbezogenen Gefährdungsbeurteilung und Betriebsanweisung verantwortlich.

Überhaupt ist eine fundierte Einsatzplanung die solide Basis für eine sichere Abwicklung von Höhenarbeiten. Auch wenn „Höhenarbeiter“ kein Beruf, sondern eine Zusatzqualifikation ist, so kommt neben der eigentlichen Arbeitsaufgabe dem Thema  Einsatzplanung ein wesentliches Maß an Aufmerksamkeit zu: Es werden Rettungspläne erstellt, Absperrungen festgelegt, Anschlagpunkte für die Seile und Zugangswege definiert, die Mitarbeiter eingewiesen, Fremdgewerke integriert, Kommunikation gewährleistet und vieles mehr. Wenn sich Höhenarbeiter also nicht sofort an die eigentliche Arbeitsaufgabe machen, dann hat das seinen guten Grund – nur wenn die Gefährdungsbeurteilung ergibt, dass die erforderliche Arbeit sicher durchgeführt werden kann, ist die Anwendung von Seilzugangstechnik zulässig!

Auch der Aufbau der Seiltechnik, der Seilstrecken und deren sichere Verbindung mit den Anschlagpunkten ist eine äußerst verantwortungsvolle Aufgabe, die man nicht „mal schnell nebenbei“ macht. Höhenarbeiter arbeiten immer redundant – also an zwei voneinander unabhängigen Systemen: einem Tragsystem und einem Sicherungssystem. Am Tragsystem steigt der Höhenarbeiter auf oder seilt sich ab. Das Sicherungssystem dient nur dazu, den Höhenarbeiter im Notfall aufzufangen. Beide Seilsysteme müssen zuverlässig und wirksam vor Fremdeinflüssen, wie zum Beispiel dem Zugriff dritter oder vor scharfen Kanten, geschützt werden.

 

Die Ausbildung

Immer mehr Unternehmen entschließen sich dazu, eigene Mitarbeiter mit der Zusatzqualifikation Seilzugangs- und Positionierungstechniken auszustatten. Wie läuft also so eine Ausbildung ab?

Die Kurse für Höhenarbeiter finden in Ausbildungsbetrieben statt, die eigenverantwortlich und vom zertifizierenden Verband wirtschaftlich unabhängig arbeiten. Wie schon beschrieben, hat sich eine dreigliedrige Qualifikationsstruktur etabliert. Es gibt drei Levels, die aufeinander aufbauen. Kommen wir zunächst zu den Zulassungsvoraussetzungen für die Ausbildung zum Höhenarbeiter nach FISAT Level 1:

Die Anwärter müssen mindestens 18 Jahre alt sein, sie müssen über einen gültigen Ausbildungsnachweis als betriebliche Ersthelfer verfügen, der nicht älter als 24 Monate ist und von einer DGUV zertifizierten Stelle durchgeführt wurde und sie müssen eine gültige arbeitsmedizinische Eignungsuntersuchung für Arbeiten mit Absturzgefahr vorweisen. Nach der üblichen Kursdauer von vier

Tagen folgt am fünften Tag eine theoretische und praktische Prüfung durch einen unabhängigen Zertifizierer. Nach bestandener Prüfung erhält der Teilnehmer ein Zertifikat und einen Ausweis. Die Gültigkeit muss mittels einer jährlichen Wiederholungsunterweisung aufrechterhalten werden. Ein gültiges Level 1 Zertifikat ist neben den bereits genannten Voraussetzungen für die Ausbildung zu Level 2 nötig. Level 3 kann ab dem 21. Lebensjahr und nach 250 nachgewiesenen Arbeitstagen als Level 2 absolviert werden.

 

Fazit

Es wird deutlich, dass Höhenarbeiten einen nicht zu unterschätzenden organisatorischen Aufwand bedeuten. Umso wichtiger ist es für den Auftraggeber zu wissen, dass er selbst einiges dazu beitragen kann, um den reibungslosen Ablauf einer Seiltechnikbaustelle zu unterstützen. Unumgänglich ist eine Baustellenbesichtigung vorab. Diese kostet natürlich Zeit und Geld und so sieht man schon die erste Hürde vor sich. Hier empfiehlt es sich fair zu verhandeln. Eine gute Planung schützt vor unangenehmen Überraschungen und kann unterm Strich auch Kosten sparen. Eine große Hilfe ist es, wenn den Höhenarbeitern ein Ansprechpartner zugewiesen wird, der auch während der gesamten Arbeitszeit erreichbar und vor Ort ist. Klären Sie vorher Zugänge und Schlüsselmodalitäten wie zum Beispiel für Dachausstiege. Informieren Sie Anwohner, Mitarbeiter oder Anrainer über die Arbeiten. Schaffen Sie vorab die nötigen Voraussetzungen für die Arbeiten. Es können zum Beispiel keine Jalousien gereinigt werden, wenn diese nicht heruntergelassen wurden. Und erwarten Sie nicht das Unmögliche – auch für Höhenarbeiter gelten physikalische Gesetze.

 

Christian Kohl, Inh. Seil und Fels.

 

 

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